Roboter kommen, Arbeit bleibt

Roboter kommen, Arbeit bleibt

Roboter kommen, Arbeit bleibt

Warum Roboter die Menschen nie arbeitslos machen werden – und wir mit ihrer Hilfe Dinge tun werden, von denen wir heute noch nicht einmal ahnen, dass sie möglich sind.

Mit Unimate fing es an. 1961 wurde er als erster Roboter der Weltgeschichte in einer Fabrik eingeführt. Den Arbeitern war es recht. Schließlich erledigte der automatische Arm Dinge, um die sich keiner von ihnen riss. In einem Werk des Autoherstellers General Motors bearbeitete er Druckgussteile für Karosserien, eine damals für Menschen gefährliche Aufgabe in giftigen Dämpfen. Heute freut sich kaum einer mehr. Die Maschinen erledigen Aufgaben, womit auch Menschen gern ihr Geld verdienen: Sie waschen Haare beim Friseur, kassieren in Supermärkten und schreiben erste journalistische Texte. Auch selbstfahrende Autobusse sind nicht mehr weit.

Werden wir also überflüssig? Wer den aktuellen Trend fortschreibt, könnte zu diesem Schluss kommen. Jedes Jahr wächst die Produktivität in Deutschland um 1,4 Prozent, jeder Arbeiter stellt also 1,4 Prozent mehr her als im Jahr davor. Die Unternehmen brauchen immer weniger Personal, um die gleiche Menge an Gütern zu fertigen.

Wann also kommt die Nulllinie? Die Antwort: gar nicht. Denn eine zweite Zahlenreihe ist mindestens so aussagekräftig wie jene des Produktivitätsfortschritts. In Deutschland stehen gut 163500 Roboter in den Werkhallen. Der Anteil der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe sank dadurch zwar, allein in den vergangenen 20 Jahren von 37 auf 25 Prozent. Gleichzeitig aber verringerte sich auch die Arbeitslosigkeit von 7,8 auf 7,3 Prozent. Der Industrieverband International Federation of Robotics presst den Zusammenhang gern in die platte Formel: „Roboter schaffen Arbeitsplätze.“ Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Denn natürlich befinden wir uns in einem „Race against the Machines“, wie IT-Spezialist Andrew McAfee und der Forscher Erik Brynjolfsson vom Massachusetts of Technology (MIT) in ihrem gleichnamigen Buch schreiben. Das Rennen ist eröffnet. Die Automaten klettern die Karriereleiter nach oben. Sie werden dem Kindergarten entwachsen, der sie heute sind, und über kurz oder lang anspruchsvolle Aufgaben wahrnehmen, für die derzeit noch spezialisierte Fachkräfte gesucht werden. Sie können sich nicht vorstellen, einem Roboter beim Bewerbungsgespräch gegenüberzusitzen? Bereits heute arbeiten Forscher an der australischen University La Trobe an Maschinen, die Kandidaten Fragen stellen und aus der Mimik des Gegenübers herauslesen sollen, wie ernst es ihm mit den Antworten ist.

Spracherkennungssysteme ersetzen Callcenter, und so nervend der Umgang mit ihnen ist, wir gewöhnen uns daran. Der Roboter, der den Koch ersetzt, wird kommen. Und genauso wird der Roboter kommen, der den ersetzt, der den Koch ersetzt hat. Was machen wir dann? Seit etwa 195000 Jahren gibt es unsere Gattung auf der Erde. Die längste Zeit davon haben wir gearbeitet, um zu überleben. Heute arbeiten wir, um zu leben. Und in Zukunft? Nicht mehr arbeiten und nur noch leben? Oder nicht einmal mehr das?

Es ist ein spannender Stoff für Science-Fiction-Romane, wenn Maschinen ihre eigene Entwicklung bestimmen und die Herrschaft über die Erde übernehmen. Aber in den Szenarien steckt ein logisches Problem: Wir haben keinen wirklichen Grund, Roboter zu bauen, die all das können, was uns selbst auszeichnet. Denn wer Roboter mit eigenem Willen ausstattet, hat keine Sklaven mehr. Und Sklaven sollen die Maschinen schließlich bleiben. Sie sollen uns Fähigkeiten verleihen, die wir selbst nicht besitzen, präziser sein, schneller, ausdauernder – und sich vor allem nicht beklagen. Eine eigene Persönlichkeit ist das Letzte, was Nutzer von ihren Automaten wollen. Ein Hotelbesitzer will vielleicht einen nett parlierenden Aufzug, aber bestimmt keinen, der nur noch Blondinen befördert.

Eines dürfte damit auch in 100 Jahren sein wie heute: Roboter, sofern es sie dann noch gibt, dienen dem Menschen. Nicht umgekehrt. Die wirklich brisante Frage ist daher eine andere: Wem nützen ihre Dienste eigentlich? Wenn es schlecht läuft, sind das ziemlich wenige.

Das pessimistische Szenario wäre: Arbeitnehmer geraten beim Rennen gegen die Maschinen tatsächlich ins Hintertreffen. Erst entsteht Massenarbeitslosigkeit, dann sinkt das Lohnniveau so weit, dass selbst Roboter nicht mehr rentabler wären. Die Folgen wären auf der einen Seite Massenverelendung, auf der anderen eine reiche Elite, die wählen kann, ob sie Maschinen oder Menschen beschäftigt.

Die Gefahr droht durchaus. Seit Jahren wachsen die Gehaltsunterschiede in der Gesellschaft. Die obersten zehn Prozent der Einkommenspyramide erhielten 2008 achtmal mehr Lohn als die untersten zehn Prozent, so eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit OECD von 2011. Gerade die Geringqualifizierten verlieren nach und nach den Anschluss, weil die Jobs, für die Menschen nötig sind, immer anspruchsvoller werden. Ein einfacher Kfz-Mechaniker kommt bei heutigen Autos, die fahrenden Rechnern gleichen, nicht mehr weit.

So aber muss das Rennen nicht enden – wenn es gelingt, die Ausbildung der Menschen zu verbessern. In keinem anderen Land hängen Bildungserfolg und gesellschaftliche Stellung so eng zusammen wie in Deutschland, zeigen die Pisa-Studien. Lässt sich dieser Zusammenhang durchbrechen, ist ein optimistisches Szenario weit wahrscheinlicher: Die Automatisierung setzt zwar Arbeitskraft frei, damit aber auch Kreativität. Ganz neue Betätigungsfelder entstehen. Genau das geschah in den vergangenen Jahrzehnten. Im gleichen Maß, wie der Anteil der Arbeitnehmer in der Fertigungsindustrie schrumpfte, wuchs die Bedeutung des Dienstleistungssektors: von 48 Prozent 1972 auf heute 72 Prozent.

Arbeit ist nicht einfach da. Arbeit entsteht, weil Menschen sie schaffen. Es gibt keinen Job-Kuchen, von dem uns Roboter die Stücke wegfressen und wir nur noch die Krümel bekommen. Hätte das Zeitalter der Automation nie begonnen, wäre die digitale Revolution wohl nie aus den Startlöchern gekommen. Die Fabriken hätten die dafür nötige Arbeitskraft gebunden.

Die Frage ist deshalb nicht, ob wir in 100 Jahren noch etwas zu tun haben werden. Sondern was. Sicher ist: Es werden Dinge sein, von denen wir heute nicht einmal ahnen, dass sie möglich sind.

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